A+
A+
A+
Bürgermeldungen
drucken
Stadtplan
31.08.2016

Vortrag: „Lehre 4.0 – Ausbildung im Zeitalter Industrie 4.0 und Generation Y/Z“:

Andreas Schneider

Spricht man mit heimischen Lehrbetrieben über das Thema „Qualität der aktuellen Lehrlingsgeneration“, sieht man fast überall das gleiche Bild: Ratloses, resignierendes Kopfschütteln. Schnell fallen Sätze wie: „Die junge Generation taugt nichts mehr!“ … „Wir nehmen jeden, der höflich grüßen kann!“ … „Wir hatten früher immer einen Lehrling – wir haben aufgehört, die Stelle auszuschreiben.“

Das muss aber nicht sein.

„Der Schlüssel liegt darin, wie man mit dieser neuen Generation umgeht und wie man sie rekrutiert, anspricht und ausbildet!“, erklärt der Ausbildungsexperte Andreas Schneider dem Gemeindeblatt-Redaktionsteam in einem Interview anlässlich seines Vortrags zum Thema „Lehre 4.0“, der am Donnerstag, dem 8. September 2016, von 18 bis 21 Uhr bei freiem Eintritt im Salomon-Sulzer-Saal stattfinden wird.
 
Redaktion: Herr Schneider – Was heißt Lehre 4.0?

Schneider: „Hier muss man vielleicht kurz erklären: In der Industrie kennt man den Begriff Industrie 4.0. Das bedeutet: Industrie 1.0 war die Zeit der ersten maschinellen Massenproduktion Anfang des 19. Jahrhunderts. 2.0 war die Akkord- und Fließbandarbeit, 3.0 die Übernahme der Computer als industrielle Produktionsmaschinen, 4.0 wird vollkommen im Zeichen der Digitalisierung stehen. Wir haben unser neues Lehrlingsausbildungsmodell für die Industrie daher „Lehre 4.0“ benannt, weil wir einen radikal neuen Ansatz entwickelt haben, wie mit jungen Auszubildenden umgegangen wird – und wie sie ausgebildet werden. Denn wenn wir diese Generation samt der auszubildenden Unternehmen nicht fit bekommen für die Zeit der Industrie 4.0 – der totalen Digitalisierung – werden wir als Industriestandort gewaltige Probleme bekommen.“

Welche Herausforderungen meinen Sie hier konkret?

Schneider: „Schauen Sie einige der erfolgreichsten Unternehmen an, die aktuell den Planeten erobern: Facebook, die Taxi-App „Uber“, die Betten-Buchungsplattform „Air BnB“ als wenige Beispiele. Diese Unternehmen sind von jungen, smarten Menschen einer neuen Generation praktisch im Alleingang gegründet und entwickelt worden, die verstanden haben, welche Chancen ein vernetzter Planet bietet. Und hier bei uns? Wenn Sie zehn Leute auf der Straße fragen, werden mit Ausnahme von Facebook vielleicht nur ein oder zwei etwas von diesen Giganten, die bereits Milliarden umsetzen, gehört haben – so verschlafen und langsam reagiert unser Wirtschaftsraum auf diese neuen Tendenzen.
Und wir reden noch nicht vom kommenden „Internet of things“ – das bedeutet: Sogar der Toaster hat einen Internetanschluss und macht mir meinen Toast, wenn ich es ihm über mein Smartphone befehle. Diese Dinge gibt es bereits und sie werden mit Riesenschritten kommen. Nun brauchen wir eine Generation, die sich diesen Trends mit offenen Köpfen stellt und die Chancen ergreift, die sie bieten. Unsere Schulen produzieren diese Köpfe aber nicht. Also müssen wir vor allem als Lehrlingsausbilder nun dringend versuchen, diese Lücke zu füllen.“

Wie findet ein Lehrlingsbetrieb diese Köpfe, die Sie hier fordern?

Schneider: „Wir suchen junge Menschen, deren persönliches Potential für die Berufsausbildung passend ist. Entscheidend sind die sogenannten „Big Five“ der Persönlichkeitsstruktur für den Berufserfolg: Extraversion (aus-sich-herausgehen-können; Anm.), Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus (psychische Stabilität; Anm.). Und diese Fähigkeiten kann ich nicht aus den Schulnoten ablesen. Insofern ist ein Auswahlverfahren der neuen Art notwendig. Um das Ganze abzurunden findet dann natürlich auch noch ein persönliches Gespräch statt.“

Das klingt sehr radikal und widerspricht komplett der klassischen elterlichen Doktrin: „Schau, dass du gute Noten hast, dann bekommst Du einen guten Job!“

Schneider: „Lassen Sie es mich mal so darstellen: Auf dem Joghurt in meinem Kühlschrank steht ein Ablaufdatum. Ich weiß ziemlich genau, wie lang das Ding noch genießbar sein wird. Aber welches Ablaufdatum haben Noten? Wenn Sie zu mir kommen mit einem „Gut“ in Mathematik, werden sie bei der Wiederholung des selben Prüfungsstoffes zwei bis drei Monate später mindestens zwei Noten schlechter abschneiden. Was soll ich nun noch mit ihrem „Gut“ anfangen?

Ihr auswendig gelerntes Wissen ist dann nichts mehr Wert. Viel wichtiger wird dann ihre Fähigkeit sein, Probleme selbständig zu lösen, sich mit Menschen und anderen Spezialisten zu vernetzen, die Ihnen bei der Problemlösung helfen können und dass Sie wissen, woher Sie die Werkzeuge beziehen können, um komplexe Aufgaben zu lösen. Und genau das ist es, worin wir die Lehrlinge bei der „Lehre 4.0“ ausbilden und wo wir sie schrittweise heranführen.“

Wie kann ich mir das als junger Auszubildender in dem Fall vorstellen? Wie sieht da mein Lehrlingsalltag aus?

Schneider: „Sie werden nicht mehr stur frontal von einzelnen (voneinander getrennt agierenden) Lehrlingsausbildnern „druckbetankt“. Sie bekommen ein konkretes Arbeitsprojekt mit konkreten Anforderungen, die sie erfüllen müssen. Auch mit Terminen, die sie einhalten müssen. Und wie sie dann gemeinsam mit ihren Kollegen das Problem lösen, ist ihre Sache.

Sie müssen also in der Gruppe zusammenarbeiten und auch die Kommunikation in der Gruppe erlernen. Und dabei passiert viel mehr im Kopf eines jungen Menschen, als durch das „klassische“ Lernen. Etwas, was wir auch radikal verändert haben, ist unsere Einstellung zu den jungen Lehrlingen: Wir betrachten sie nicht mehr von oben herab, sondern begegnen ihnen auf Augenhöhe – und mehr. Aber hier möchte ich dem weiteren Vortragsinhalt nicht mehr vorausgreifen – das würde vermutlich auch den Rahmen dieses Interviews sprengen.“

Wir sind schon sehr gespannt auf den Vortrag am 8. September und freuen uns schon sehr darauf Herr Schneider: Besten Dank für das Interview!

Zur Person

Andreas Schneider war Ausbildungsleiter der TRUMPF GmbH + Co. KG in Ditzingen und Sachverständiger im Neuordnungsverfahren Elektrotechnik und Produktionstechnologe. Seinen beruflichen Werdegang startete er mit einer Mechanikerlehre und anschließender Meisterausbildung. Später wurde er Ausbilder bei TRUMPF. Andreas Schneider studierte Betriebs- und Führungspädagogik.

Termin vormerken

Wenn Sie dieses Thema interessiert, merken Sie sich bitte auch den Termin der Hohenemser Lehrlingsbörse vor: Samstag, 12. November 2016, Löwensaal Hohenems.

Details zur Messe werden rechtzeitig auf www.hohenems.at und in den städtischen Medien veröffentlicht.