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Stadtplan
14.11.2016

Hohenems im Ersten Weltkrieg (27)

Illustration des Attentats: „Beim Mittagessen im Hotel ‚Meißl & Schadn‘ erschossen – Der Attentäter – Dr. Friedr. Adler“. (Illustrierte Kronenzeitung. Wien. 22. Okt. 1916)

Das Attentat auf den Ministerpräsidenten rüttelte an der politischen Stabilität der Donaumonarchie. Gegen Jahresende verschlechterte sich die Versorgungslage in den Städten. Der nasse Herbst verdarb die Ernte.

Frauen und Jugendliche protestierten gegen immer kleinere Lebensmittelrationen. Oppositionelle demonstrierten in Wien für die Einberufung des Reichsrats, um ausgesetzte Grundrechte wieder einzufordern.

Ein Attentat gegen den Krieg

Am frühen Nachmittag des 21. Oktober 1916 ermordete Dr. Friedrich Adler in einem Wiener Café den Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh. Seine Regierung arbeitete seit Kriegsbeginn auf der Grundlage von kaiserlichen Verordnungen. Auch Grundrechte wie die Pressefreiheit blieben eingeschränkt.

Der unmittelbare Anlass für die tödlichen Schüsse war die Weigerung des Ministerpräsidenten, den Reichsrat wieder einzuberufen. „Nieder mit dem Absolutismus, wir wollen den Frieden!“, soll Adler gerufen haben. Das Attentat war ein Aufbegehren gegen den Krieg. Seit 1914 war das Parlament nicht mehr zusammengetreten, es herrschte de facto ein „Kriegsabsolutismus“. Der Mordanschlag erregte auch international großes Aufsehen, manche sahen darin ein Zeichen für den Zerfall der inneren Ordnung der Donaumonarchie.

Krankheiten – Kriegsseuchen

„Alle feilgebotenen Lebensmittel“ waren vor Berührungen und Fliegen zu schützen. „Düngerhaufen und Jaucheabflüsse“ mussten von öffentlichen Plätzen entfernen werden. (HGBl. Nr. 39/1916)

Hunger und unzureichende Ernährung schwächten die Gesundheit der Menschen. Auch unter der Zivilbevölkerung grassierten Krankheiten. Darauf verweist ein Vergleich der Bevölkerungszahlen: 1910 hatte Hohenems 6.456 Einwohner (893 Häuser), diese Zahl sank bis 1923 auf 5.153 Bewohner (Gedenkschrift Stadterhebung S. 280).

Mit der Fortdauer des Krieges wurden immer häufiger auch kranke Männer eingezogen, durch fehlende Hygiene und mangende Ernährung weitete sich die Tbc zur Kriegsseuche aus. Ursachen für Cholera und Ruhr unter den Soldaten waren zumeist der Verzehr von verdorbenen Lebensmitteln oder verseuchtem Trinkwasser.

Wenige Vorräte

1916 stellten sich in Wien täglich ca. 500.000 Menschen um Lebensmittel an. (Foto: Heeresgeschichtliches Museum, Wien)

Für viele Arbeiterfamilien wurde die Lage dramatischer, als neben Mehl, Brot, Milch und Fett auch noch Kartoffeln rationiert wurden. Die Folge war eine Ernährungskrise, die vor allem den Menschen in den Städten zusetzte. Die Polizeidirektion Wien berichtete, dass im Oktober z. B. vor rund 1.000 Geschäften Ansammlungen von bis zu 500 Personen stattfanden, die sich oft schon um 4 Uhr früh anstellten.

Allgemein waren die Sorgen in der Bevölkerung groß, da es durch die unerwartet schlechte Ernte von 1916 den Anschein hatte, dass schon wieder ein Hungerwinter bevorstehe. (HGBl. Nr. 42/1916)

Kartoffelnot und fauler Mais

Die Gemeindevorstehung von Hohenems bat die Bezirkshauptmannschaft in Feldkirch bereits Ende August um Zuweisung von einigen Waggons Kartoffeln, um die Not zu lindern: „Es gibt hier sehr viele Familien, welche schon durch Wochen keine Kartoffeln mehr zum Einkaufen bekommen haben.“ (StaHo. 1916-3-S, Zl. 4254)

Mitte Oktober teilte der Bürgermeister mit, dass 20 Waggons Kartoffeln auf dem Weg nach Vorarlberg seien. Das Kaufangebot war beschränkt auf bestimmte „Partien“ (Lebensmittelkarten), pro Kopf waren maximal fünf Kilogramm erhältlich.

Der starke Herbstregen verhinderte auch das Ausreifen von Gemüse und Früchten. Kartoffeln und „Türkenkolben“ (Mais) kamen mehr feucht als trocken in die Scheunen. Daher verfaulten große Mengen wichtiger Nahrungsmittel.

Selbstversorger – Schwarzhandel

Die Ernte war eingebracht. Privatverkauf von Getreide und Mais war strengstens untersagt. (HGBl. Nr. 43/1916)

Anfang Oktober bezeichneten sich in Hohenems 403 „Parteien“ als „Selbstversorger“. Diese waren nun verpflichtet, ihre Ernteerträge in der „Verpflegskanzlei“ der Gemeinde zu melden. Selbstversorger durften nur ein bestimmtes Kontingent der Ernte für sich behalten. Schwarzhandel und Verheimlichung von Vorräten nahmen zu. Ärmere Familien konnten sich trotz der vorgeschriebenen Höchstpreise manche Lebensmittel nicht mehr leisten. Zucker, Salz und Butter wurden zu begehrten Artikeln des Schwarzhandels und zu einem illegalen Zahlungsmittel.

PS: Der rumänische Physiologe Nicolae Paulescu entdeckte 1916 das Insulin. Durch Rumäniens Kriegseintritt konnte er seine Forschungen erst nach 1918 abschließen und publizieren.

Mag. Edmund Banzer, Kulturkreis Hohenems