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05.10.2016

Hohenems im Ersten Weltkrieg (21)

Heilgard Bertel „Custos quid de nocte“ (Wächter, wie weit ist es in der Nacht? Detail aus dem Malerei-Zyklus in der Unterkirche St. Konrad, 1980–1985)

Vor 100 Jahren tobte vor allem in Europa der große Krieg, der kein Ende finden wollte. Waffenimporte und Rekrutierungen zusätzlicher Soldaten kurbelten 1916 das Kriegsgeschehen wieder an.

In Zusammenarbeit mit dem Kulturkreis Hohenems wird in den kommenden Wochen die Artikelserie „Hohenems im Ersten Weltkrieg“ fortgesetzt. Sie gibt Einblicke, wie sich das dritte Kriegsjahr aus weltpolitischer und Hohenemser Sicht darstellte.

Ende des Jahres 1915 waren die Fronten wie festgefahren. Schnee, Kälte und Hunger forderten über den Winter ihre Opfer. Die Kämpfe dauerten an, ohne Aussicht auf baldigen Erfolg. Das immer deutlicher werdende Ausmaß der Verluste führte mit der wachsenden sozialen Not in der Zivilbevölkerung ab 1916 zu einer allgemeinen tiefen Kriegsmüdigkeit. Im Gemeindeblatt veröffentlichen die Behörden seitenlange Kundmachungen, die weitere Einschränkungen bei den Lebensmitteln oder Abgaben von Rohstoffen verordneten.

„Quid de nocte?“

Glück, Segen, Sieg und Frieden stand als Wunsch auf den Neujahrskarten für 1916. Doch was wird das neue Jahr bringen? Im Vorarlberger Volksblatt findet sich zu Jahresbeginn keine Botschaft des Kaisers. Auf der Titelseite der Neujahrsausgabe stellt der Redakteur – als Sprachrohr der Volksmeinung – eine bemerkenswerte Frage: „Quid de nocte? Wie spät in der Nacht haben wir, in dieser Nacht des Kriegselendes? Wie steht es und wann wird der Sieges- und Friedenstag anbrechen?" Der Artikelschreiber analysiert die Kriegssituation und kommt zum Schluss: „Wann muss der Friede kommen? Sobald der Krieg militärisch und wirtschaftlich unmöglich geworden ist.“ D. h. erst, wenn die Waffenarsenale der Kontrahenten erschöpft wären. Doch auf Seiten der Befehlshaber laute die Parole: „Wir wollen den Sieg und nicht den Frieden!“ (VoV, 1. Jänner 1916).

Verständigungsfriede

Ja, man sprach 1916 in manchen politischen Ecken über einen möglichen Frieden, da die Versorgungslage bei den Mittelmächten immer dramatischer wurde. Die Generäle wollten allerdings als Sieger die Schlachtfelder verlassen, sie träumten von einem „Siegfrieden“! Und zu Beginn des Jahres war die Kriegslage für die Mittelmächte überaus günstig, sie wähnten sich auf der Siegerstraße. Jetzt das Wort „Verständigungsfriede“ in den Mund zu nehmen, galt beinahe als Hochverrat, auch in den Staaten der „Entente“. Stefan Zweig meinte lakonisch: „Einer muss den Frieden beginnen wie den Krieg.“ Aber wer?

Unser täglich Brot im Jahre 1916

Ein anderer Artikel thematisierte die ungerechte Verteilung des Getreides innerhalb der Monarchie und bezog sich auf die Stimmung innerhalb der Bevölkerung: „Wir wünschen dem Vaterlande den Sieg und opfern das Blut der besten Söhne für dieses hohe Ziel. Das gibt uns ein Anrecht, vom Vaterlande auch zu fordern: Unser tägliches Brot“ (VoV, 1. Jänner 1916). Der Artikelschreiber kritisierte, dass zurzeit in Ungarn pro Kopf mehr Mehl zugeteilt werde als in den österreichischen Ländern.

Genuss von frischem Brot

Lebensmittelpolizei. HGBl. Nr. 12/1916 vom 19. März 1916

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln war Aufgabe der Gemeinde, im Verkaufslokal „Zum Löwen“ konnten z. B. Mehl, Butter, Milch, Zucker und Reis nur mit Lebensmittelkarten bezogen werden. Brot- und Mehlbezugsbücher wurden pro Familie ausgegeben, die Zuteilung war pro Kopf festgelegt. Die Weitergabe der erhaltenen Lebensmittel ohne Eigenbedarf war verboten.

Den Bäckern wurde nur ein beschränktes Quantum Getreide für das sogenannte Kriegsbrot zugeteilt. Bis zu ca. 60 % des Backmehls wurde durch Gerste-, Hafer-, Mais- und Kartoffelmehl ersetzt. Das Brot war weder besonders gut zu essen noch zu lagern. Mehrere Klagen über die Bevorzugung einiger Kundschaften gingen bei der Gemeinde ein.

Butterbezug nur mit Billett

Ohne Bezugsbillett keine Butter. HGBl. Nr. 6/1916 vom 4. Februar 1916

Weitere Einschränkungen folgten. Zuckerbäckerwaren duften nur noch dienstags und freitags gebacken werden. Wegen Butterverkaufs zu massiv überhöhten Preisen wurde ein Kaufmann gerichtlich verurteilt. (HGBl. Nr. 9/1916)

Pfarrer Renn notierte im Februar 1916: „[…] Butterverteilung wird vorgenommen. Vorläufig ein Achtel kg pro Kopf auf 14 Tage. […] Geregelt wird der Verbrauch an Mehl. […] Konsumenten erhalten je nachdem sie als Schwer- oder Leichtarbeiter bezeichnet wurden 300 bzw. 200 g Mehlprodukte. Das waren sehr ungewohnte Eingriffe des Staates in das Leben seiner Bürger.“ (emser almanach no. 30, S. 56) Und weitere Einsparungen sollten folgen.

PS: Februar-Revolution in Zürich: Rundherum tobte der Weltkrieg, eine Künstlergruppe rebellierte im „Cabaret Voltaire“ und begründete die Dada-Bewegung (Dadaismus).

Mag. Edmund Banzer, Kulturkreis Hohenems