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Bürgermeldungen
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Stadtplan
02.12.2020

Neuerscheinung: „Kulturlandschaft Hohenems“

Alter Rhein
Foto: Friedrich Böhringer

Das soeben im Bucher-Verlag erschienene Buch von Thomas Loacker und Johann Peer beschreibt ein lebendiges Bild der Kulturlandschaft unserer Stadt.

Das Buch ist zum Preis von 24,50 Euro in der Buchhandlung Lesezeichen und bei der Tourismus & Stadtmarketing Hohenems GmbH erhältlich.

Wir haben bei Herrn Peer genauer nachgefragt, um einen umfangreichen Einblick in dieses spannende Thema zu bekommen:

Herr Peer, wann ist Kulturlandschaft für Sie zur Herzensangelegenheit geworden?

Als Mitarbeiter im Bundesdenkmalamt zum Ende der 1980er-Jahre habe ich mich intensiv mit der anonymen Architektur in Vorarlberg beschäftigt und bewundern gelernt, wie einfühlsam die alten Bauernhäuser mit ihrer doch recht großen Kubatur in die Landschaft gesetzt wurden. Nachdem in früherer Zeit der Talboden zumeist von Überschwemmungen bedroht und der Bewirtschaftung vorbehalten war, entstanden Siedlungen vorwiegend im Übergangsbereich zwischen Tal und Berg und die Gehöfte mussten in geneigtes Gelände gesetzt werden. Nachdem es ja keine Baumaschinen gab, die den Hang abgraben konnten, blieb den damaligen Maurern und Zimmerleuten nichts anderes übrig, als sich mit dem Bauwerk dem Gelände anzupassen. Die Einfügung in die Landschaft war also eine Notwendigkeit, wodurch eine harmonische Verbindung zwischen Landschaft und Gebäuden – Kulturlandschaft im besten Sinne – entstanden ist.

Ist das heute nicht mehr der Fall?

Der Designer Viktor Papanek, der in den 1930er-Jahren nach Amerika emigrieren musste, hat einmal geschrieben, das wichtigste Anliegen des Architekten ist die Linie zwischen Gebäude und Boden. Diese Kunst des Einfügens ist uns verloren gegangen. Heute wird mit Hilfe großer Baumaschinen auch im steilsten Hang ein ebener Bauplatz geschaffen, was grobe und dementsprechend hässliche Abgrabungen und Aufschüttungen zur Folge hat. Die Landschaft wird durch ein Gebäude nicht mehr bereichert, wie das früher der Fall war, sondern verwundet.

Wie sehen Sie die Hohenemser Kulturlandschaft in diesem Zusammenhang?

Hohenems hat in dem Ensemble von Palast und Schlossberg ein einmaliges Alleinstellungsmerkmal, wodurch das Landschaftsbild von Vorneherein einen gewissen Schutzstatus genießt. Für ein einprägsames Stadtbild, das sich ja auch gut vermarkten lässt, ist die intakte Kulisse der Berge Voraussetzung. Das kommt der Kulturlandschaft zugute, wenngleich es auch in den Hohenemser Hanglagen, dort wo gebaut werden darf, kein bildliches Unterordnen der Häuser gibt, sondern diese die Landschaft optisch dominieren wollen. Die Linie zwischen Gebäude und Boden, von der Papanek schrieb, ist den heutigen Planern kein Anliegen mehr.

Was aber macht die Hohenemser Kulturlandschaft so einzigartig, dass sie in einem über 200 Seiten starken Buch beschrieben und fotografisch dokumentiert wird?

In erster Linie deren Vielfalt. Keine andere Kommune Vorarlbergs hat sowohl Anteil an den Ausläufern des Bregenzerwaldes wie auch an einer naturnahen Flusslandschaft von außerordentlicher Schönheit. Die landschaftliche Bandbreite zwischen Altem Rhein im Westen und der Bergkette im Osten des Stadtgebietes ermöglicht eine hohe Aufenthaltsqualität zu jeder Tages- und Jahreszeit, verbunden mit einer Vielfalt an kommerziellen und nichtkommerziellen Nutzungen.

Es war uns als Autoren ein Anliegen, mit dem Buch – und vor allem den zahlreichen Fotografien im Buch – eine Art „Schule des Sehens“ zu etablieren, denn wir sind der Überzeugung, dass bewusstes Hinschauen auch die beste Voraussetzung für den Schutz dieser Landschaft ist. Wald ist zweifellos mehr als sich im Brennholzpreis niederschlägt, und so öffnet sich der Reiz eines Landschaftsbildes Schritt für Schritt denjenigen, die sich die Zeit nehmen, sich darin zu vertiefen.

Ein wesentlicher Teil Ihres Buches beschäftigt sich auch mit der bebauten Stadt und Fragen der Raumplanung und des Verkehrs. Inwieweit gehört die dicht bebaute Innenstadt zu Ihrer Definition von Kulturlandschaft?

Das Stadtbild ist ein wesentlicher Teil des Gesamtbildes unserer Landschaft. Auch die Wissenschaft definiert Kulturlandschaft – etwas flapsig gesprochen – als denjenigen Raum, in dem Kultur entsteht und wirkt. In Hohenems stehen über 100 Gebäude unter Denkmalschutz, woraus sich allein schon der Stellenwert von Baukultur für dieses Gesamtbild ableiten lässt. Städtische Kultur manifestiert sich aber nicht nur in Kubatur sondern mehr noch in der Qualität der ihr zur Verfügung stehenden Räume, weshalb die Frage „Wem gehört der öffentliche Raum?“ eine ganz wesentliche Rolle für die Etablierung von Kulturlandschaft im weitesten Sinn spielt. In dieser Beziehung hat sich Hohenems in den vergangenen 10 Jahren stark zum Guten verändert, sodass aus unserer Sicht die Revitalisierung der Altstadt als eine absolute Erfolgsgeschichte bezeichnet werden kann.

Lassen sich aus Ihrem Buch Empfehlungen für künftiges Handeln, für den Umgang mit unseren landschaftlichen Ressourcen ableiten?

Indirekt auf jeden Fall. Für die kommenden Jahre zeichnen sich Projekte ab, die jedenfalls Auswirkungen auf die Kulturlandschaft haben werden, sei es nun die Neugestaltung des Schlossplatzes, der Bau des neuen Rathauses oder der Bau eines Einkaufszentrums an der Autobahn. Jedem Handeln liegt ja eine Wertehaltung zugrunde. Kulturlandschaft hat einen hohen Wert, aber keinen messbaren Preis. Sie ist ein wertvolles Kulturgut, das dem Gemeinwohl zu dienen hat. Anliegen dieses Buches ist es daher, Landschaft als diejenige Ressource bewusst zu machen, die zwar auf vielfältige Weise als Kapital eingesetzt werden kann, selbst aber niemals verbraucht werden darf. Letztlich kommt es also sehr darauf an, die „richtige“ Linie zwischen Gebäude und Boden zu finden, sei es nun im Hang oder auch in der Talebene. Das setzt allerdings genaues und einfühlsames Schauen voraus, wozu das Buch beitragen soll.