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24.06.2019

Hohenems im Zeichen des Erzählens und der Sprache

Literaturpreis
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Literaturpreis

Vergangenen Samstag wurde der „Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige Autor/innen nichtdeutscher Muttersprache“ an Karosh Taha verliehen – im Rahmen eines Wochenendes mit vielen literarischen Facetten.

Traditionell erfolgte die Verleihung des mit 7.000 Euro dotierten Preises im Salomon-Sulzer-Saal, der ehemaligen Synagoge der Stadt: „Hohenems wurde einmal als kleinste Metropole bezeichnet. Eine Metropole ist nicht unilateral – sie ist multilateral, sie ist nicht homogen – sie ist heterogen. Das bedeutet, dass sich jeder einzelne mit dem Fremden und den Fremden auseinandersetzen muss. Die Literatur hilft uns zu vermitteln und verstehen“, so Kulturstadtrat Johannes Drexel, der gemeinsam mit Kulturlandesrat Christian Bernhard das Publikum begrüßte und auch darauf verwies, dass Stadt und Land gemeinsam diesen Schwerpunkt in Form eines Literaturhauses noch ausbauen werden.

Ein großer Applaus galt Markus Beer, der binnen Minuten für einen kurzfristig erkrankten Kollegen einsprang, und das Publikum mit Klarinette und Saxophon begeisterte.

Zafer Şenocak setzte sich in seiner Festrede mit seiner persönlichen Schreibbiographie wie auch dem Erzählen an sich auseinander, des Lebens und der Kommunikation als „als unentwirrbares Knäuel, das viele von uns ratlos und sprachlos“ macht. Şenocak, der seit Anbeginn 2009 wiederholt Mitglied der Preisjury war: „Ich erliege der Versuchung, im Zufall eher eine Hoffnung zu sehen. Zufällig nach alten Geschichten zu greifen, die geblieben sind, um unsere Gegenwart zu erkennen. Das ist nicht nur ein frommer Wunsch, um weiterschreiben zu können, sondern auch eine Metapher für Zuhause. Da sein und erzählen, damit der fernste Punkt auf der Karte auch Zuflucht bedeuten kann.“

Höhepunkt des Wochenendes war Karosh Tahas erstmalige öffentliche Lesung ihres Siegertextes „Körpersprache“, ein Auszug aus ihrem zweiten Roman, der dem 2018er-Debüt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ folgt. Die Autorin, 1987 in der kurdischen Stadt Zaxo im Irak geboren, lebt und arbeitet seit 1997 im Ruhrgebiet. Vladimir Vertlib hatte mit der Verlesung der Jurybegründung die Qualitäten des Textes festgehalten, dessen Protagonistin um Selbstbestimmung in traditioneller Familienstruktur und beengtem Zusammenleben eines Migrantenviertels in Deutschland ringt:  „In hochpoetischer und präziser Sprache zeichnet Karosh Taha ein Geflecht aus fragilen Beziehungen, Sehnsüchten und Einsamkeiten urbaner Milieus, die von zahlreichen Sprachen, vielfältigen kulturellen Eigenheiten und der Überlieferung längst in Frage gestellter Selbstgewissheiten geprägt sind. Ihr literarischer Blick richtet sich von innen auf das nur scheinbar alltägliche Geschehen zwischen den Geschlechtern, den kulturellen Bezügen und den Generationen. Er eröffnet unerwartete Perspektiven und kommt ganz ohne voyeuristische Klischees über Migration aus.“

„Literarisches Wochenende“ mit vielen Facetten

Wer sich auf den Weg zum Veranstaltungsort machte, wurde im Jüdischen Viertel von einem Street-Art-Projekt begrüßt: Der junge Künstler Domingo Mattle hatte im Spiel mit deutschen und arabischen Schriftzeichen Zitate des Schriftstellers Hamed Abboud aufgegriffen, die von einem Besuch in Hohenems inspiriert worden waren. Die zweite Auflage des „Emser Slams“ versammelte wiederum internationale Talente im Salomon-Sulzer-Saal; als Sieger des Abends im Zeichen frecher, junger Literatur ging Maurice Massari alias „Mo!“ hervor.

Vladimir Vertlib und Zafer Şenocak standen mit ihren aktuellen Veröffentlichungen selbst im Mittelpunkt einer Lesung – beide teilen die Erfahrung des literarischen Schreibens vor dem Hintergrund ihrer migrantischen Biographie – eine Erfahrung, zu der sie in einer von Annette Raschner geführten Gesprächsrunde Aufschlüsse gaben. Karosh Taha selbst hatte sich gerne auch für eine weitere Lesung in der „Offenen Jugendarbeit Hohenems“ bereit erklärt, bei der sie den Jugendlichen auch für ein angeregtes Gespräch zur Verfügung stand.

Mehr Informationen: www.hohenems.at/literaturpreis