Stadtverwaltung Hohenems
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29.11.2017

Rüti hilft – Hohenems dankt!

Bürgermeister Dieter Egger übergab eine Nachbildung des damaligen Spendenaufrufplakats an Gemeindepräsident Peter Luginbühl.
Bürgermeister Dieter Egger begrüßte die Gäste im kleinen Löwensaal.
Vertreter/innen der Stadt Hohenems und der Gemeinde Rüti beim gemeinsamen Abendspaziergang durch die Innenstadt.

Hans Rathgeb ist schockiert. Der Schweizer Journalist steht mitten im kaputten und hungernden Vorarlberg des Jahres 1946, das sich mühsam von den Zerstörungen des Krieges erholt, und beschließt, etwas zu unternehmen. Mit der Aktion „Rüti hilft Hohenems“ unterstützte die Bevölkerung der Gemeinde Rüti im Kanton Zürich nach dem Krieg die Hohenemser Bürger/innen. Nun wurden die heutigen Gemeindevertreter/innen eingeladen, um gemeinsam zurückzublicken.

Bürgermeister Dieter Egger eröffnete den Empfang im kleinen Löwensaal. „Ich möchte zunächst allen Beteiligten für die Organisation dieses Treffens und ihr Kommen danken. Diese Hilfsaktion der Bevölkerung von Rüti vor über 70 Jahren ist eine wunderbare Lektion in Demut, die uns daran erinnert, dass es Zeiten gegeben hat, die deutlich härter waren als jene, in denen wir heute leben dürfen“, so das Hohenemser Stadtoberhaupt.

Inspirierender Vortrag und Zeitzeugen

Rüti hilft – Hohenems dankt!
Rüti hilft – Hohenems dankt!

Anschließend gab Kulturstadtrat Johannes Drexel, MAS, einen detaillierten Einblick in die Abläufe der Aktion „Rüti hilft Hohenems“. Zeitzeugin Lydia Häfele berichtete aus ihrer persönlichen Erinnerung, von der Freundschaft mit dem Rütner Ehepaar Amann-Steuri, die nach der damaligen Hilfsaktion entstand und die sie und ihr Mann über 60 Jahre pflegten, ehe Mag. Edmund Banzer vom Kulturkreis ebenfalls seinen Dank an Rüti und die beteiligten Personen richtete. Hervorgehoben werden darf an der Stelle auch die Rolle von Kurt Mathis, der von seiner Tochter Maria Pirovino die Februarausgabe der Lokalzeitung „Rütner/Dürntner“ zugesandt erhielt, in der über die damalige Hilfsaktion ausführlich berichtet wurde. Herr Mathis informierte darüber den Bürgermeister, das Stadtarchiv und den Kulturkreis. Damit kam der Stein ins Rollen.

Zum Abschluss übergab Bürgermeister Dieter Egger eine Nachbildung des originalen, handgemalten Spendenaufrufplakats des Rütner Jugendparlaments an den Gemeindepräsidenten von Rüti, Peter Luginbühl, der anschließend ebenfalls noch seinen Dank für die Einladung zu diesem Jubiläumsevent aussprach und seinerseits ein Geschenkpaket überreichte. Mit einem Abendspaziergang durch die neu gestaltete Innenstadt und einem gemütlichen Beisammensein im Landgasthof Schiffle endete der unterhaltsame Abend in Hohenems.

„Kaputtes Österreich“

Hans Rathgeb war ein eifriges und aktives Mitglied im Jugendparlament Rüti. Unter dem Titel „Kaputtes Österreich“ startete er nach seiner Rückkehr in die Schweiz eine Initiative mit dem Ziel, der Grenzregion in Vorarlberg zu helfen. Rathgeb muss sich vorgekommen sein wie der Kapitän eines Rettungsboots auf hoher See, der sich aufmachte, um Schiffsbrüchige zu retten, als er die Armut in Vorarlberg auf einer Pressereise nach Kriegsende mit eigenen Augen zu Gesicht bekam.

In Rücksprache mit dem Gemeinderat Rüti entstand eine großangelegte Aktion. Der Präsident des ins Leben gerufenen Hilfskomitees Walter Beenen verfasste einen Brief an die für die Haussammlung in Rüti zuständigen Personen: „Im Bewusstsein, dass unsere Hilfe nur einen Tropfen auf das glühende Feuer bedeuten kann, haben wir uns für eine spontane Hilfe für ein Dorf in der Größe und mit der ungefähren Einwohnerzahl unserer eigenen Gemeinde entschlossen. Das Hauptproblem bietet naturgemäß die Ernährung.“ Das benannte Dorf in diesem Brief war Hohenems.

Unvorstellbare Hilfsbereitschaft

Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung von Rüti war überwältigend. Unter dem Aspekt, dass nach dem Krieg die wirtschaftliche Situation auch in der Schweiz nicht die beste war, erstaunt die damalige phänomenale Spendenfreudigkeit der Rütner. Die Gaben wurden gesammelt, sortiert, verpackt, beschriftet und für den Transport bereitgestellt. Zwei Lastwagen übernahmen den Transport nach Heerbrugg. Da die Heilsarmee ohne Zollformalitäten Hilfsgüter nach Österreich transportieren konnte, übernahmen sie die letzte Wegstrecke nach Hohenems. Der geschätzte Wert der gespendeten Gaben lag damals bei etwa 15.000 bis 20.000 Schweizer Franken – eine schier unvorstellbare Summe für die damalige Zeit.

„Dank an Rüti“

Im Dezember 1946 wurde als Abschluss der Aktion „Rüti hilft Hohenems“ eine offizielle Feier in Hohenems organisiert. Zahlreiche wertvolle Bekanntschaften wurden dabei geschlossen, die über Jahre Bestand hatten.

Speziell hervorzuheben ist das Gedicht „Dank an Rüti“ von Dr. J. Gasser, in welchem die große Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft der Schweizer Nachbarn nochmal deutlich hervorsticht:

Die Kinder Österreichs hungern! Wie tut der Hunger weh!
Der Wehruf ward vernommen, am fernen Zürichsee.
Zu Rapperswil, zu Rüti, im Jugendparlament,
im Land, das Pestalozzi, Dunant als Bürger nennt,
das Niklaus von der Flüh, erhebt auf den Altar,
und Zuflucht der Bedrängten, zu allen Zeiten war.

Ihr wackeren Eidgenossen, wie seid Ihr Herzensgut!
Ich glaub, es liegt die Güte, Euch schon im Schweizerblut.
Hans Rathgeb, wie der Nam‘ es kündet, gab den Rat,
und Rütis brave Jungen, die schritten gleich zur Tat.
Sie sammelten und Rüti gab, nach dem Wort des Herrn,
der eine viel vom Vielen, der andre vom Wenigen gern.

Euch treibt die Menschenliebe und Euer goldenes Herz,
zu stillen unseren Hunger, zu lindern unsern Schmerz.
Ihr kommt zu einem Volke, das vom Sturm der Zeit,
gestürzt in Nacht und Jammer, und laut nach Hilfe schreit.
Ihr seht, uns drückt die Sorge, uns drückt die bittere Not,
uns fehlt der Gaben beste, uns fehlt das liebe Brot.

Der Winter dräut, wir frieren, uns mangeln Kleid und Schuh,
manch armes Kind geht traurig, gedrückt der Schule zu.
Die Mutter weint am Herde, darauf kein Feuer brennt,
ihr Leid kann nur ermessen, wer Muttersorgen kennt.
Ihr seht so manche Waise, in unserer Kinderschar,
der Vater ist gefallen, der ihr Ernährer war.

Stets war der Hohenemser, bekannt durch den Humor,
ein Mensch, der auch in Trübsal, den Frohsinn nicht verlor.
Wir möchten gerne wieder, vergnügt und fröhlich sein,
nur gebt uns Brot und Kleider, und Friedenssonnenschein.
Schon ist ein Strahl des Lichtes, gekommen über Nacht,
mit euch, die Ihr uns Freude und Weihnachtsglück gebracht.

Wir wollen nicht verzagen, wir fassen frischen Mut,
wir spüren, wie die Liebe, auch heute Wunder tut.
Wir seh‘n, dass nicht alleine, von Feinden wir umstellt,
dass uns auch warme Freunde, noch leben in der Welt.
Doch unsre besten Freunde, die hausen in der Schweiz,
dem Land, in dem entstanden, dereinst das Rote Kreuz.

Stets wenn die Abendsonne, im Westen rötlich sinkt,
von blauen Schweizer Bergen, manch Licht herüberwinkt.
Gedenken wir betend in Treue, in kindlich frommem Sinn,
des letzten milden Spenders, der letzten Spenderin.
Und bitten den Himmel zu segnen, das wunderschöne Land,
die Menschen, die uns das Christkind, in schwerster Zeit gesandt.