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Stadtplan
27.06.2017

5. Hohenemser Literaturpreis vergeben

Selim Özdogan im Gespräch mit Moderatorin Dr. Eva Häfele.
Preisträger Selim Özdogan las im Salomon-Sulzer-Saal seinen Siegertext.
v. l. Moderatorin Dr. Eva Häfele, Leiter der Landeskulturabteilung Dr. Winfried Nußbaummüller, Jurymitglied Dr. Anna Mitgutsch, Preisträger Selim Özdogan, Pianist Károly Gáspár und Stadtrat Mag. (FH) Markus Klien.
Der Salomon-Sulzer-Saal, die ehemalige Synagoge von Hohenems, bot Raum für die literarischen Veranstaltungen: Ein Zitat Selim Özdogans begrüßte die Besucher/innen.

Für die bislang unveröffentlichte Erzählung „Geschichte ohne Papier“ verlieh die Stadt Hohenems am Samstag, dem 24. Juni 2017, den mit 7.000 Euro dotierten Hohenemser Literaturpreis an Autor Selim Özdogan.

Traditionell fand die feierliche Übergabe des Preises im Salomon-Sulzer-Saal, der einstigen Hohenemser Synagoge, statt – und wurde von einer Lesung des 1971 geborenen Kölner Schriftstellers („Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“) gekrönt. Die Jury, bestehend aus Dr. Anna Mitgutsch – die ihre Festrede der „Sprache als Innovation und Verwandlung“ widmete – Sudabeh Mohafez und Zafer Senocak, hatte die Erzählung aus 162 ihr anonym vorliegenden Einreichungen ausgewählt: „Geschichte ohne Papier“ vereint die Qualitäten, welche die zahlreichen Veröffentlichungen Özdogans, beginnend mit seinem Debütroman „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“, auszeichnen: Sorgfältige Figurenzeichnungen und eine prägnante Sprache sind auch im Siegertext zu finden, der im Grunde das Erzählen selbst reflektiert.

„Gott hat die Menschen erschaffen, aber er hat ihnen keine Geschichte gegeben und keine Papiere, nur Namen. Die Geschichte muss jeder selbst finden und nicht jeder kann entscheiden, welche er erzählen möchte“, beginnt der Text. Özdogan erzählt, wie zwei junge Männer, Salim und Adem, in einer Polizeikontrolle letztlich an der Erzählung ihres Lebens scheitern – ihre Geschichten sind an gefälschte Dokumente angelehnt, an Vorstellungen, wie ihre Biographie sein könnte, an Filmzitate. Festrednerin Dr. Anna Mitgutsch zum Siegertext: „Die Sprache in ihrer oszillierenden Mehrdeutigkeit erzählt die Parabel von der Identität, die man sich erst einmal leisten können muss, der Existenzberechtigung, die nicht durch das bloße Dasein garantiert wird, sondern erst durch den Besitz der richtigen Geschichte. Der Verlust der Identität, sie freiwillig aufzugeben, ist der Preis zu überleben.“ Eine Veröffentlichung der Erzählung, wie auch früherer Siegertexte des Hohenemser Literaturpreises ab 2009, ist in Planung.

Pianist Károly Gáspár hatte sich vom Text Özdogans inspirieren lassen und begleitete die von Dr. Eva Häfele moderierte Verleihung nicht nur mit Stücken Fazil Says, sondern auch mit Improvisationen. Mit Grußworten richteten sich der Hohenemser Stadtrat Mag. (FH) Markus Klien und der Leiter der Vorarlberger Landeskulturabteilung Dr. Winfried Nußbaummüller an das Publikum und betonten die Verankerung des Literaturpreises in der weltoffenen Geschichte von Hohenems gleichermaßen wie im vielfältigen Kulturleben der Stadt.

„Zuwanderung und Literatur waren schon in der Vergangenheit in Hohenems sehr früh präsent und sind es noch heute. Vor 400 Jahren wurde die erste jüdische Gemeinde Vorarlbergs in Hohenems angesiedelt und die erste Buchdruckerei in Hohenems gegründet. Heute beheimaten wir eine große Gemeinde ehemaliger Gastarbeiter aus Italien, Ex-Jugoslawien und der Türkei in Hohenems. Eine der renommiertesten Buchdruckereien im deutschsprachigen Raum – Bucher Druck – steht heute ebenfalls in unserer Stadt. Was liegt da also näher, als in Anerkennung der Leistungen der Zuwanderer in der Vergangenheit und Gegenwart, diesen Preis hier in Hohenems zu vergeben? Der Hohenemser Literaturpreis ist eine Anerkennung für literarisch herausragende Leistungen bislang unveröffentlichter Texte, der international ausgeschrieben wird. Mit 162 Einsendungen konnten wir diesmal doppelt so viele zählen, wie bei der letzten Preisverleihung. Besonderer Dank gilt darüber hinaus natürlich den zahlreichen Sponsoren, allen voran unserem Hauptsponsor – dem Bucher Verlag – aber auch dem Land Vorarlberg und vielen weiteren Kooperationspartnern, die mithelfen, die Idee des Hohenemser Literaturpreises fortzusetzen“, so Stadtrat Mag. (FH) Markus Klien.

Slams, Schülerfragen und Schriftrollen

Davud Pivac konnte mit viel Wortwitz und Rasanz den „Ersten Emser Slam“ für sich entscheiden.

Einen gelungenen Start feierte am Freitag, dem 23. Juni 2017, auch der in Kooperation mit Ländleslam durchgeführte „Erste Emser Slam“: Von den sechs Teilnehmer/innen – auch ihre Muttersprache ist nicht die deutsche – wollte das Publikum im Finale Francis Kirps (Luxemburg), „Stef“ (Griechenland) und schließlich den in München lebenden Bosnier Davud Pivac sehen, der den Abend dann für sich entschied. Auch Selim Özdogan konnte beim Slam begrüßt werden, dessen Bühne er gerne zu Beginn als „Opferlamm“ außer Konkurrenz betrat. Bereits zuvor hatte er eine Lesung für Hohenemser Schüler/innen gehalten und sie zum Gespräch über Literatur und die Arbeit eines Schriftstellers eingeladen.

Projekt „Citatum“

„Gott hat die Menschen erschaffen, aber er hat ihnen keine Geschichte gegeben“ – Selim Özdogan vor der „Citatum“-Schriftrolle, welche die ersten Zeilen seines prämierten Textes aufgreift.

Noch bis Ende Juli wird der Literaturpreis am Salomon-Sulzer-Platz mit dem Projekt „Citatum“ sichtbar bleiben, zu dem das städtische Kulturreferat den Künstler und Schriftgestalter Günter Bucher eingeladen hatte: Die ersten Worte aus Selim Özdogans „Geschichte ohne Papier“ sind in einer Größe von 7 mal 4,3 Metern an der Fassade des Salomon-Sulzer-Saales zu lesen, während vier frühere Siegertexte auf Schriftrollen von 4 mal 1,8 Metern an verschiedenen Laternenmasten rund um den Platz angebracht wurden. Die Stoffbahnen, für die Bucher ausschließlich seine eigenen markanten Schriften – weiß auf schwarzem Grund – verwendet, sind nach Ende des Projektes, zu dem auch eine Serie von Postkarten produziert wurde, beim Künstler und beim Hohenemser Kulturreferat erhältlich.

Weitere Informationen unter www.hohenems.at/literaturpreis