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Bürgermeldungen
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Stadtplan
19.10.2015

Hohenems im Ersten Weltkrieg (16)

Trotz der wachsenden Zahl der Gegner erwarteten die Mittelmächte einen schnellen Waffengang. Aber die gewaltige Dimension des Krieges forderte ein Umdenken, Nachschub und Waffenproduktion gerieten ins Stocken.

Wer hätte das 1914 gedacht? Noch im Herbst herrschte ein lebhafter internationaler Handel. Die USA etwa lieferten Getreide, Metalle und Textilrohstoffe. Die europäischen Mächte holten aus ihren Kolonien Kautschuk, tropische Öle, Harze und Wachse. Unmittelbar nach Kriegsbeginn errichtete Großbritannien mit seiner Flotte eine Seeblockade, um den Gegner Deutschland von Rohstofflieferungen aus Übersee abzuschneiden. Deutschland antwortete mit einem verstärkten U-Boot-Einsatz, um Importe amerikanischer Handelswaren und Waffen nach England zu unterbinden.

Rohstoffe werden zur Mangelware

Patriotische Worte verschleiern den Rohstoffmangel. (Vorarlberger Volksfreund, 15. April 1915)

Bereits nach wenigen Monaten zeigte die Blockade Wirkung. Mit dem Andauern des Krieges versiegten wichtige Handelsströme für die Mittelmächte. Rohstoffe wie Edelmetalle, Erdöl, Gummi, Leder und Baumwolle wurden knapp. Es fehlten Materialien, deren Verfügbarkeit für eine längere Kriegsführung der Mittelmächte entscheidend werden konnte. Gleichzeitig benötigte aber die Front immer mehr Nachschub an Waffen. Kupfer, Messing und Blei waren für den schier unermesslichen Bedarf an Munition unverzichtbar. Nickel benötigte man für kriegswichtige Stahlsorten, Zinn für Konservendosen.

Nichts ist zu gering!

Das Ausbleiben der Rohstoffimporte brachte die Mittelmächte in eine Notlage. Mit Jahresbeginn war die Bevölkerung aufgefordert, die „Patriotische Kriegs-Metallsammlung“ zu unterstützen, den Dachboden zu durchforsten und entbehrliche Gegenstände abzugeben: „Was wird alles gesammelt? Haushaltsgeräte, Küchengeräte und sonstige Gegenstände, vor allem aus Kupfer, dann aus Messing, Bronze. Rotguss, Zinn, Zink, Reinnickel, Blei, Antimon und Aluminium. Nichts ist zu gering!“ (HGBL. Nr. 16/1915) Die Sammlung hatten die Gemeinden zu organisieren.

Messing – Kupfer und Zink

Tausch von Messing gegen Eisen. (HGBl. Nr. 36/1915)

Die Verwendung wertvoller Metalle war allein für militärische Zwecke erlaubt, Stromleitungen durften nur noch mit feuerverzinktem Eisendraht ausgeführt werden.
Vorerst wurde ein Ersatz von abgelieferten Messingwaren angeboten, das Kriegsministerium lancierte eine Aktion Messing gegen Eisen zu tauschen. Ab Oktober wurden dann Messing- bzw. Kupfergeräte „wie Pfannen, Kessel, Gelten, Gugelhupfformen, Schöpflöffel, ebenso Leuchter, Vorhangstangen und Ringe“ beschlagnahmt. (HGBl. Nr. 40/1915)

Woll- und Kautschuksammlung

Die Donaumonarchie bezog einen Großteil der Rohbaumwolle über Italien. Nach dem Kriegseintritt Italiens fehlte dieses Importgut. Als Ersatzstoff verwendete die Textilindustrie daraufhin zunehmend Brennnessel- und Schilffasern. Doch das allein genügte nicht: „Die Einfuhr unentbehrlicher Rohstoffe ist unterbunden, wir müssen uns daher selbst helfen … eingedenk des Spruches: „Si vis pacem, para bellum!“ (Willst du den Frieden, rüste zum Krieg!) Dieses Zitat ist der römischen Imperialismus-Idee entliehen, dass allein die Abschreckung bzw. Unterwerfung des Gegners den Frieden garantiere.
Eine Woche lang wurde auch in Hohenems gesammelt, angefangen von Kleidern, Handtüchern und gestrickten Waren bis hin zu Musterkollektionen; Beispiele für Gummiwaren waren Autoreifen, Schläuche, Bälle und Radiergummi. (HGBl. Nr. 39/1915)

Ersatzprodukte

„Ein´ feste Burg ist unser Gott, ein´ gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.“ Post von der Front. 1915. (Bildnachweis: Privatarchiv)

Auch die Soldaten im Felde mussten mit Lebensmitteln versorgt werden. Zuhause schränkten amtliche Regelungen den Konsum von Grundnahrungsmitteln mehr und mehr ein und schrieben Höchstpreise vor. Immer mehr Nahrungsmittel mussten mit Ersatzstoffen versetzt oder durch diese gänzlich ersetzt werden. Manche Produkte wurden dadurch ungenießbar.
Da ab 1915 Getreidelieferungen aus Amerika für Vorarlberg ausblieben, kam es durch die mangelnde Mehlversorgung bald zu Beschwerden. Beigemischtes Kartoffelmehl oder andere minderwertige Mehlsorten verschlechterten die gewohnte Qualität des Brotes. Mit Worten von Martin Luther betete man im Vertrauen auf Gott um Hilfe und ums tägliche Brot.

Not macht erfinderisch

Als Tee-Ersatz wurde empfohlen, Brombeerblätter und Erdbeerblätter zu sammeln und zu trocknen für den eigenen Gebrauch und für die Soldaten an der Front, Kaffee-Ersatz stellte man aus Zichorie, Gerste, Malz, Bucheckern, Eicheln oder Kastanien her. Fleisch und Butter wurden zum Luxus. Im Mai 1915 wurden zwei fleischlose Wochentage angeordnet.
In den unteren städtischen Bevölkerungsschichten begann die Kriegsbegeisterung zu schwinden. Die herrschende Versorgungs- und Ernährungskrise überlagerte das Interesse am Kriegsgeschehen.

Mag. Edmund Banzer, Kulturkreis Hohenems

Übersicht über Beiträge zu "Hohenems im Ersten Weltkrieg"

Hohenems im Ersten Weltkrieg (Beiträge 2014)

Hohenems im Ersten Weltkrieg (Beiträge 2015)