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Bürgermeldungen
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Stadtplan
19.10.2015

Hohenems im Ersten Weltkrieg (15)

Das Fehlen wichtiger Lebensmittel wurde in den Städten bald spürbar. Auf eine längere Dauer des Krieges war man nicht vorbereitet. Die Behörden übertrugen den Gemeinden die Organisation der Grundversorgung mit Lebensmitteln.

Der Krieg hatte 1914 mitten im Sommer begonnen. Die Ernte war noch nicht voll eingebracht. Politiker und Medien hatten die Erwartung eines schnellen Sieges genährt. Doch der Gedanke eines großen Krieges war wirtschaftlich nicht durchgedacht. Mit der Frage, ob die Versorgung mit Nahrungsmitteln zum Problem werden könnte, hatte man sich vor dem Kriege so gut wie gar nicht beschäftigt. Vorhandene Vorräte wurden schon in den ersten Kriegsmonaten aufgebraucht.

Städte ohne Notversorgungsplan

Der Konsum von Grundnahrungsmitteln musste durch amtliche Regelungen mehr und mehr eingeschränkt und Höchstpreise festgesetzt werden. Kriegsbrot und Ersatzkaffee – was wenig verlockend klang – gehörten zum Alltag. Manche Lebensmittel waren knapp, Nachschub war nicht zu erwarten. Einige Städte – besonders die Hauptstadt des Reiches – waren fast auf allen Gebieten der Grundversorgung mit Lebensmitteln von Ungarn abhängig. Dazu fehlten wichtige Getreideanbaugebiete (Galizien, Bukowina), die sogleich Frontgebiet wurden und damit für die Lebensmittelversorgung wegfielen.

Vieh und Geflügel

Schlachtvieh aus Hohenems. (HGBl. Nr. 29/1915)

Die Ausfuhr von Rindern und Schweinen über die Grenzen von Tirol und Vorarlberg war bewilligungspflichtig. Der Verkauf „von Vieh aller Art und Geflügel (lebend oder geschlachtet) sowie von Lebensmitteln überhaupt“ an fremde Personen war strengstens untersagt. (HGBl. Nr. 30/1915) Im Sommer hatte die Marktgemeinde Hohenems ein vorgeschriebenes Kontingent an Schlachtvieh abzuliefern.

Hülsenfrüchte

Ernte 1915. Propaganda-Postkarte (Bildnachweis: IMAGNO/Archiv Jontes)

Der Mangel erzwang Einschränkungen. Im Gemeindeblatt mehrten sich amtliche Kundmachungen, die für die anlaufende Erntezeit Regelungen vorgaben. Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen und Bohnen aller Art der Ernte des Jahres 1915, die nicht als grünes Gemüse verwendet wurden, mussten als Vorräte „zugunsten des Staates“ aufbewahrt werden. (HGBl. Nr. 34/1915)

Beschlagnahme von Getreide

Inländisches Getreide und Mais waren „mit dem Zeitpunkt der Trennung vom Ackerboden zu Gunsten des Staates beschlagnahmt“. Die Landwirte konnten täglich pro Kopf ein Quantum für Familienangehörige und Erntehelfer zum eigenen Verbrauch einbehalten. Diese Getreidemengen und der Bedarf für die Aussaat wurden aber von der Bezirksbehörde bestimmt. (HGBl. Nr. 33/1915)

Frauen und Kinder – „Heimatfront“

Kriegsgefangene um 1915, im Palasthof mit Ferdinand Peter (li.) (Bildnachweis: Kulturkreis)

Besonders schwierig war die Situation für die ländliche Bevölkerung. Viele Männer (17 bis 42 Jahre) standen an der Front, die Frauen blieben alleine auf ihren Höfen zurück. Ein Teil der Anbauflächen konnte nicht mehr bewirtschaftet werden. Selbst die Pferde, die für die Bestellung der Felder und das Einbringen der Ernte nötig waren, mussten „einrücken“. Auch auf dem Land wurden die Nachteile eines Krieges schnell spürbar.

Kriegsgefangene aus Russland

Gemeinden und Privatpersonen konnten für landwirtschaftliche und andere Arbeiten die Zuteilung von Kriegsgefangenen beantragen. Für die Gefangenen musste eine Kaution bezahlt werden. Diese verfiel, falls die Gefangenen flohen. Für Arbeiten in unserer Gemeinde waren kriegsgefangene Russen im Einsatz.

Leute mit schiefen Augen

Josef Jerabek in Ufa. (VoV, 20. Mai 1915)

Der Schlosser Josef Jerabek geriet nach dem Fall von Przemysl (März 1915) in russische Gefangenschaft. Nach monatelanger Ungewissheit schrieb er als Kriegsgefangener aus der Stadt Ufa (ca. 2.800 km nordöstlich von Wien) eine Karte nach Hause: „Ich teile Euch mit, dass es mir in Ufa ganz gut geht. […] Hier ist ein ganz anderer Menschenschlag. Leute mit schiefen Augen, Mongolen, Tartaren und Heiden.“ Jerabek vermutete, dass er und andere Gefangene noch weiter „ins asiatische Rußland bis an die chinesische Grenze“ gebracht würden. (almanach30, S. 49)

Flurdiebstahl und Kinderbettel

Kinderbettel – Gelegenheit macht Diebe. (HGBl. 34/1915)

Häufig gab es Anzeigen, dass Obst oder Feldfrüchte von Wiesen und Feldern gestohlen wurden. Daher verstärkte die Gemeinde die Flurwacht, was auch Pfarrer Renn begrüßte, „da die Früchte reifen und es besonders zu jetzigen Zeiten auch unter Christen Leute mit sehr kommunistischen Empfindungen geben kann“. (almanach30, S. 50) Die Behörde warnte vor bettelnden Kindern aus der eigenen oder benachbarten Gemeinde, sie sollten zurechtgewiesen werden, da Gelegenheit auch Diebe mache.

Mag. Edmund Banzer, Kulturkreis Hohenems

Übersicht über Beiträge zu "Hohenems im Ersten Weltkrieg"

Hohenems im Ersten Weltkrieg (Beiträge 2014)

Hohenems im Ersten Weltkrieg (Beiträge 2015)