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08.09.2015

Hohenems im Ersten Weltkrieg (11)

Bereits Ende des Jahres 1914 hatte sich abgezeichnet, dass ein Ende des Krieges nicht abzusehen war. Im Prinzip konnte keine Seite wesentliche Erfolge erzielen. Die Fronten waren verhärtet, der Einsatz von Giftgas sollte eine Entscheidung bringen.

Das Vorarlberger Volksblatt brachte die allgemeine Stimmung in seinen Wünschen fürs neue Jahr zum Ausdruck: „Das Kriegsjahr 1914 sinkt unter Kanonendonner in die Vergangenheit. Mit Kriegslärm wird das Jahr 1915 eingeleitet. In Ungewissheit sind die Schicksale gehüllt, die uns die göttliche Vorsehung für die nächste Zukunft bestimmt hat.“ (VoV, 1. Jan. 1915)

Der Neujahrsgruß des Kaisers war im bekannten Sprachduktus gehalten. Rückblickend hob er die „todesmutige Tapferkeit“ seines Heeres und seiner Flotte hervor. Für 1915 äußerte er sich zuversichtlich, dass die Monarchie „auch die schwersten Proben“ ehrenvoll bestehen werde. (VoV, 1. Jan. 1915)

Fremdenhass und deutsches Wesen

Aufgeräumt mit allem fremden Kram (FA, 30. Dez. 1914).

Im Feldkircher Anzeiger kam die Kriegsbegeisterung und Verachtung fremder Völker zu Beginn des neuen Jahres ungebrochen zum Ausdruck. Derartige martialische Worte verwendeten 20 Jahre später die Nationalsozialisten.

Frontnachrichten

Erinnerung an das Kriegsjahr 1914 (Foto: Engelbert Schuler)

In einigen Hohenemser Familien gab es zu Jahresbeginn 1915 Grund zur Freude. Soldaten, die in der Festung Przemysl eingeschlossen waren, gelang es, einen Brief per Fliegerpost an die Zeitung zu senden. Viele Soldaten hatten seit Allerheiligen nicht mehr an ihre Angehörigen geschrieben. (VoV, 1. Jan. 1915)

An der Grenze zu Italien, das sich bei Kriegsbeginn für neutral erklärt hatte, blieb es noch ruhig. Bereits im Spätherbst wurden dort Truppen stationiert, aus Trient sandte Kaiserjäger Jacob Klien zum Jahresende eine Erinnerungskarte und die herzlichsten Grüße an seinen „Göthe“ Engelbert Schuler.

Musterung weiterer Jahrgänge

„Doch der Krieg griff immer härter zu. Laufend wurden neue Jahrgänge zu Musterung aufgeboten. „Von den Jahrgängen 1887, 1888, 1889 und 1890 mussten die Tauglichen heute (16.1.1915) einrücken. Sie mussten die Ausrüstungsgegenstände diesmal selber mitbringen: Schuhe, warme Decke, Rucksack, Esszeug u. a., was ihnen im Gebrauchsfalle vom Ärar vergütet wurde.“ (almanach30, S. 38) Familien verabschiedeten ihre Väter und Söhne am Bahnhof, verschiedene Vereine begleiteten ihre einberufenen Mitglieder zum Zug.

„Besser wirds nimmer, schlimmer wirds immer“, kommentierte Pfarrer Renn die neue Brot- und Mehlverordnung. (almanach 30, S. 38) Der vernachlässigte Getreideanbau in Vorarlberg konnte die Grundversorgung der Bevölkerung nicht decken. Ende Januar gab es „Kriegsbrot“, dem ein Drittel Gerstenmehl beigemischt war. Ab Februar durften die Bäcker „kein Schildbrot und keine Herrenpärle“ mehr backen, in den Wirtshäusern war es nicht mehr erlaubt, für die Gäste Brot aufzutischen. (almanach 30, S. 40) Therese Fenkart schrieb ihrem Bruder Anton am 27. März 1915: „Man bekommt schon längere Zeit kein Mehl mehr bei dem Müller. Die letzten Tage haben in ganz Hohenems nur noch drei Bäcker backen können, wo sonst ihrer zehn sind. Kannst dir denken wie das zuging um das Brot am Morgen. Schon vor 6 Uhr sind die Leute vor dem Haus und warten bis ich aufmache …“ (Archiv: Alfons Peter)

Weißmehl kaum erhältlich

Bäckerei Martin Fussenegger, Theodor-Körner-Straße (Foto: Kulturkreis)

Wegen Mehlmangel oder Einberufungen mussten von den zehn Bäckern in Hohenems einige ihr Geschäft vorübergehend schließen. Den Bäckereien war es ab April 1915 überhaupt verboten, Kleingebäck herzustellen, da nur spärliche Mehlvorräte vorhanden waren. Das Weißbrot sollte Säuglingen, Wöchnerinnen und Kranken vorbehalten sein, da das „Edelmehl“ sehr sparsam verwendet werden musste. (HGBl. Nr. 17/1915) Der Preis für Weißbrot stieg rapide an.
Für die Broterzeugung wurden verschiedene Zusätze erlaubt, wie „Kartoffelmalzmehl und Kartoffelbrei“. (HGBl. Nr. 3/1915) Die Bäckergenossenschaft beschloss ab 7. Februar nur mehr „Kriegsbrot und Schild“ zu backen (HGBl. Nr. 6/1915)

„Kriegsbrot“

„Vis“ (Kraft) aus Bierhefe. (HGBl. Nr. 4/1915).

Das frisch gebackene „Kriegsbrot“ durfte aber wegen seiner schweren Verdaulichkeit erst nach 24 Stunden verkauft werden. Die zunehmend schlechtere Qualität des Brotes war Tagesgespräch: „Gegenwärtig sind viele Leute sehr aufgeregt wegen des Brotes, das tatsächlich immer schlimmer wird. Andere hingegen sind froh, dass sie überhaupt etwas zu essen haben.“ (almanach30, S. 41) Das beklagte „Fadenzeihen des Brotes“ wurde amtlich (Innsbruck) attestiert und als „Brotkrankheit“ auf Kartoffelbazillen zurückgeführt. (HGBl. Nr. 26/1915) Einzelne konnten über der Grenze einen Schweizer Laib kaufen, er war zwar teurer, aber selbst für den Pfarrer war es ein „Heiligtagessen“.

Als zusätzliches Nahrungsmittel wurde „Vis“ angepriesen. Bierhefe wird heutzutage noch verarbeitet und im Handel angeboten. Um die Lebensmittelversorgung zu verbessern, riefen die politisch Verantwortlichen dazu auf, „jedes Fleckchen benützbaren Bodens“ zu bepflanzen. Selbst militärische Urlaube für den Anbau wurden in Aussicht gestellt.

Lebensmittel-Verkaufslokal

Im Gasthaus zum „Löwen“ hatte die Gemeinde ein Lebensmittel-Verkaufslokal eingerichtet. Das jeweils vorhandene Quantum, z. B. von Bohnen, Reis, Maismehl, Roggenmehl und besonders Kochmehl, wurde nach Kopfzahl der Gemeinde abgegeben. Und „Das Feilbieten von sogenannten Ostereiern“ war heuer strengstens verboten. (HGBl. Nr. 13/1915)
Vorerst genügten die Viehbestände für die Versorgung mit Milch und Fleisch, das jedoch für den Großteil der Bevölkerung zu teuer war. Obst und Kartoffeln waren ausreichend vorhanden.

Mag. Edmund Banzer, Kulturkreis Hohenems

Übersicht über Beiträge zu "Hohenems im Ersten Weltkrieg"

Hohenems im Ersten Weltkrieg (Beiträge 2014)

Hohenems im Ersten Weltkrieg (Beiträge 2015)