„Reinigungsrituale“
Vergangenen Sonntag wurde die neue Sonderausstellung des Jüdischen Museum Hohenems eröffnet: Anlass bot die „Mikwe“, die nun wieder zugänglich ist.
Die 1829 nach Plänen des Bregenzer Baumeisters Ensle erbaute Hohenemser Mikwe ist das älteste in Österreich noch erhaltene Ritualbad. Vermutlich bis ins späte 19.
Jahrhundert genutzt, verlor sie angesichts schwindender religiöser Gesetze und orthodoxer Traditionen ihre Funktion. 1938 wurde sie wie die anderen Gebäude der lokalen jüdischer
Gemeinde „arisiert“. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Tauchbecken dann zugeschüttet und das Gebäude als Werkstatt benutzt. Im Jahr 1996 erfolgte eine
Freilegung des Beckens, vergangenes Jahr erfuhr das Gebäude selbst eine Restaurierung. Im Zuge der Ausstellung „Ganz rein“ wurde in dem Häuschen ein kleiner Schauraum
eingerichtet. Der Grundwasserpegel ist inzwischen zu niedrig, um das Bad selbst zu nutzen.
Eine Mikwe fungiert als rituelles Tauchbad zur körperlichen, vor allem aber geistigen und spirituellen Reinigung: Bestimmte lebenszyklische Ereignisse wie Geburt, naher Tod,
aber auch Feiertage, die Hochzeit, der weibliche Zyklus oder die Sexualität verlangen einen Besuch.
Dialog im Museum
Zur „Ganz rein“-Ausstellungseröffnung wurde in den Salomon-Sulzer-Saal eingeladen. Museumsdirektor und Projektleiter Hanno Loewy begrüßte die zahlreichen Interessierten im
Publikum wie auch mehrere RednerInnen auf dem Podium. Bürgermeister Richard Amann betonte den produktiven Dialog, zu dem Museum wiederholt einlädt: Indem es ebenso Antworten zu
Vergangenheit und Gegenwart gibt, wie auch Fragen stellt, verbleibt es nie in reiner Konservierung vergangener Geschichte. Gleichzeitig ist das Museum auch zu einem der
wichtigsten (kulturellen wie touristischen) Imageträger, Identifikatoren und auch Impulsgeber dieser Stadt geworden, so der Bürgermeister, der darauf verwies, wie stark die
Museumseinrichtung von Gästen wie BürgerInnen mittlerweile mit Hohenems verknüpft wird. Auch Landtagsvizepräsidentin Gabriele Nussbaumer konstatierte eine
internationale Aufmerksamkeit, welche das aktuelle Projekt bereits erfahren hatte.
Der Architekturfotograf Peter Seidel stellte seinen Beitrag zu „Ganz rein“ vor: Er hat neben der Hohenemser Mikwe vergleichbare Einrichtungen in ganz Europa im Bild festgehalten
und zeigt seine Arbeiten im Keller des Museums. Die Künstlerinnen Janice Rubin und Leah Lax aus Texas berichteten über ihr „Mikwen Projekt”, das nun erstmals in Europa zu sehen
ist. In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema präsentieren sie Fotografien zeitgenössischer Frauen in der Mikwe und dokumentieren auch in Texten persönliche
Schicksale und Positionen im Umgang mit dem rituellen Bad.
Hannes Sulzenbacher stellte mit dem von ihm konzipierten „Radio Mikwe“ eine weitere Neuheit vor: Auf www.radiomikwe.at können in dem
kommenden Monaten regelmäßig aktualisierte Beiträge abgerufen werden, die nicht nur das Thema der aktuellen Ausstellung betreffen.
Weitere Öffnungszeiten und Begleitveranstaltungen
Zahlreiche BesucherInnen nutzten am Eröffnungstag die Gelegenheit, die Ausstellungen wie auch die Mikwe zu besuchen. Die Ausstellung ist bis 3. Oktober zu den regulären
Öffnungszeiten des Museums, von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr, zu sehen.
Begleitveranstaltungen ergänzen das Ausstellungsprojekt noch: So findet am Mittwoch, den 24.3.2010, um 19.30 Uhr ein Vortrag von Uri Kaufmann statt: „Jüdische Ritualbäder im
süddeutschen Raum und die Frage nach der Emanzipation jüdischer Frauen im 19. Jahrhundert“.


